Bob Clark (USA) züchtete durch einen Import eines amelanistischen Königspython seine eigenen heterozygoten Nachkommen. Durch deren Rückkreuzung mit dem Original-Import gelang es ihm 1992 die erste Farbmutation bei Python regius in Gefangenschaft zu züchten. Er zählte sicherlich zu den wenigsten, die sich bereits damals bewusst waren, welch genetisches Potential in diesen Tieren steckt. Es scheint, als hätten die Mendelschen Vererbungsregeln sich ab diesem Zeitpunkt bezahlt gemacht und so manch ein Händler oder Züchter versuchte, diese Marktlücke für sich zu nutzen.

Im letzten Jahrzehnt hat sich allerdings einiges in der Welt der Farbmorphen bei Reptilien getan. Mittlerweile scheint das genetische Potential grenzenlos und es werden fast täglich neue Farbvarianten beschrieben. Derzeit zählen wir insgesamt über 6.500 verschiedene Morphen, davon rund 300 „base morphs“. Aber was versteckt sich eigentlich hinter diesen Begriffen und ist die Zucht von Königspythons tatsächlich mehr als nur Erbsenzählerei?

Zunächst etwas Theorie...


Als Locus bezeichnet man die Stelle des Chromosoms, auf der sich ein Gen befindet. Die unterschiedlichen Varianten dieses Gens werden als Allele bezeichnet. Jedes einzelne Tier besitzt zwei dieser Allele auf einem Locus, jeweils eins pro Elterntier.
Bereits die kleinste Genmutation kann zu einer sichtbaren Veränderung führen und weitervererbt werden.


Das endgültige Erscheinungsbild eines Tieres beruht auf der Kombination von mehreren Allelen auf verschiedenen Loci. Sowohl Farbe als auch Musterungen können das Erscheinungsbild stark ändern und deutlich vom „Normaltyp“ abweichen.


Der Phänotyp beschreibt das für uns sichtbare Aussehen und wird von der genetischen Ausstattung des Erbbildes, dem sogenannten Genotyp, bestimmt.


Unter dem Begriff „homozygot“ verstehen wir ein reinerbiges Tier, das zwei identische Allele trägt. Im Gegensatz dazu beschreibt der Begriff „heterozygot“ (oftmals als „het.“ abgekürzt) das Vorhandensein zweier unterschiedlicher Allele (mischerbig).


Allgemein wird zwischen rezessiven, dominanten und co-dominanten Erbgängen unterschieden. 




Rezessiver Erbgang


Rezessive Merkmale sind vererbbar, allerdings nur als homozygote Ausprägung äußerlich erkennbar. Wird ein homozygotes Tier mit einem wildfarbenen Exemplar (Classic, C) gekreuzt, so sind alle Nachkommen wildfarben, tragen allerdings das Gen des homozygoten Elterntieres. Da sowohl ein normales Allel, als auch ein mutiertes Allel an die Nachkommen weitervererbt wird, sind diese Nachkommen heterozygot. Bei diesem rezessiven Erbgang ist das „wildfarbene“ Allel stärker ausgeprägt, was einen normalen Classic-Phänotypus zur Folge hat. Der Genotyp wird allerdings als „heterozygot“ beschrieben. Da alle Nachkommen heterozygot sind, werden diese Tiere als „100 % het.“ bezeichnet.


Um dies besser veranschaulichen zu können, verwende ich Rekombinationsquadrate. Als rezessives Merkmal nehme ich in den folgenden Beispielen den albinotischen (aa) und als dominantes Merkmal den wildfarbenen (CC) Königspython.




Classic (CC) x Homozygot (aa)

Bei der Kreuzung eines wildfarbenen Classics (CC) mit einem Albino (aa) zeigen alle Nachkommen ein wildfarbenes Aussehen. Sie sind allerdings Träger des Albino-Gens. Die daraus folgenden Nachzuchten werden somit alle als Classic 100% het. Albino bezeichnet.




Classic (CC) x Heterozygot (Ca)

Bei der Kreuzung eines Classics (CC) mit einem Classic 100% het. Albino (Ca) sind alle Nachkommen wildfarben. Allerdings nur die Hälfte der Nachkommen trägt das Albino-Gen in sich. Da sich das äußere Erscheinungsbild nicht unterscheidet und alle Tiere wildfarben sind, besteht die Chance zu 50%, dass eines der Nachkommen heterozygot für Albino ist. Die Nachzuchten werden dementsprechend alle als Classic 50% het. Albino bezeichnet. Die einzige Möglichkeit die heterozygoten (Ca) von den homozygoten (CC) Tieren zu unterscheiden, besteht in der Rückkreuzung mit den Elterntieren.





Heterozygot (Ca) x Heterozygot (Ca)


Bei der Kreuzung zweier Classic 100% het. Albinos (Ca) zeigt 1/4 aller Nachkommen ein albinotisches Erscheinungsbild. Die anderen ¾ sind wildfarben. Das Rekombinationsquadrat zeigt uns allerdings, dass die Hälfte aller Nachkommen heterozygot für Albino ist. Lediglich 25% der Tiere sind rein homozygote Classics. Da rein statistisch 2/3 der wildfarbenen Nachkommen das Albino-Gen in sich tragen, werden diese als 66% het. Albino bezeichnet.



Heterozygot (Ca) x Homozygot (aa)

Bei der Kreuzung des Genotyps (Ca) mit (aa) ist die eine Hälfte der Nachkommen albinotisch und die andere Hälfte heterozygot für Albino. Da alle Classics den Genotypen (Ca) tragen, werden diese als 100% het. Albino bezeichnet.




Homozygot (aa) x Homozygot (aa)

Das Rekombinationsquadrat zeigt, dass alle Nachkommen den Genotypen (aa) und folglich auch einen albinotischen Phänotyp zeigen.




Co-dominanter / dominanter Erbgang


Als großer Unterschied zu den rezessiven Merkmalen, sind bei co-dominanten Morphen die heterozygoten Tiere in der Regel deutlich von den „normalen“, wildfarbenen Tieren zu unterscheiden. Dementsprechend fallen Bezeichnungen mit Prozentangaben für die Wahrscheinlichkeit als Genträger weg, schließlich sind die Tiere rein äußerlich zu unterscheiden.
Die Verpaarung zweier dieser Heterozygoten führt zu einer sogenannten „Superform“. Es handelt sich dabei um die dominante Form eines co-dominaten Morphs. Ist diese Superform nicht von der heterozygoten Form zu unterscheiden, spricht man anstatt von einem co-dominanten, von einem dominanten Morph.


Um die Vererbung von co-dominanten Tieren besser veranschaulichen zu können, verwende ich als Beispiel den Farbmorph Pastel. Das gelbe Erscheinungsbild der heterozygoten Tiere differiert deutlich von jenem der Classics. Die dominante, homozygote Form wird als „Super Pastel“ bezeichnet.





Classic (CC) x Co-dominant (PC)

Bei der Kreuzung eines wildfarbenen Classics (CC) mit einem Pastel (PC) setzt sich das co-dominate Pastel-Gen (P) durch. Die Hälfte der Tiere ist also Pastel und die andere Hälfte, die kein Pastel-Gen trägt, ist Classic.





Co-dominant (PC) x Co-dominant (PC)


Bei der Kreuzung zweier Pastels (PC) ist die Hälfte der Nachkommen Pastel. Das Rekombinationsquadrat zeigt, wie der Genotyp der Elterntiere zu ¼ Classic und zu ¼ Super Pastel ausmacht. Diese Superform ist deutlich von Pastel differenzierbar und wird als dominant bezeichnet.

Dominant (MM) x Classic (CC)

Bei der Kreuzung eines dominanten Morphs mit einem Classic schlüpfen ausschließlich heterozygote Tiere, die das sichtbare Gen tragen. Wir bezeichnen diese Tiere in der Regel nicht als „Hets“, sondern nach ihrem Erscheinungsbild. Zur Abwechslung verwende ich im folgenden Rekombinationsquadrat anstatt dem dominanten Super Pastel (PP), einen dominanten Super Mojave (MM). Dieser wird durch sein weißes Aussehen (mit hellgrauem Kopf) und seine blauen Augen als „blue eyed leucistic“ bezeichnet.



Dominant (MM) x Co-dominant (PC)


Bei der Kreuzung eines dominanten Super Mojave (MM) mit einem co-dominanten Mojave (MC) schlüpfen 50% Mojave und 50% Super Mojave.




Dominant (MM) x Dominant (MM)

Bei der Kreuzung zweier dominanter Tiere, in diesem Beispiel wieder Super Mojave (MM), sind alle Nachkommen dominant (Super Mojave).



Gängige Farbmorphen


Derzeit unterscheiden wir rund 300 Basic Morphen. Diese sind aufgrund von Mutationen auf natürliche Art und Weise entstanden, wobei die Erscheinungsmerkmale dieser Mutationen durch Zuchtprojekte gezielt verstärkt werden. Basic Morphen können also nicht mit anderen Farbvarianten gezüchtet werden, sondern können ihren „Farbdefekt“ lediglich weitervererben. Sei es nun rezessiv, co-dominant, oder dominant.

Drei co-dominante Farbmorphen. Von links nach rechts: Cinnamon, Pastel, Mojave

Werden zwei oder mehrere dieser Basic Morphen gekreuzt und es entsteht daraus eine neue Kombination und somit eine neue Farbvariante, sprechen wir von sogenannten Designermorphen. Im Gegensatz zu Basic Morphen, können diese durch gezielte Verpaarung gezüchtet werden. Ein Beispiel dafür ist dieser abgebildete Pastel Mojave Cinnamon, auch als „Savannah Pewter“ bezeichnet. Dieser Dreifarb-Designermorph kann gezielt durch die Verpaarung zwischen Mojave, Pastel und Cinnamon nachgezogen werden. Besonders für den Laien ist es oftmals sehr schwer einen Überblick zu gewinnen, da ein Großteil der Farbvarianten unterschiedliche, synonym verwendete Namen tragen.

Genetisch bedingte Erkrankungen



Zu den am meist verbreiteten „Problemtieren“ zählen sicherlich die Farbvarianten Spider, Woma und Champagne. Als typische „Wobbler“ zeigen diese Tiere neurologische Störungen wie leichtes Kopfzittern, eine Kopfschiefhaltung, bis hin zu unkontrollierten, schraubenförmigen Bewegungen des vorderen Körpers. Vor allem während der Futteraufnahme zeigen diese Tiere verstärkte Symptomatik. Dieses sogenannte „stargazing syndrome“ wurde bei weiteren Morphen wie Hidden Gene Woma, Super Sable, Super Spotnose und zwischen den Verpaarungen Champagne x Hidden Gene Woma, sowie Spider x Sable beschrieben (K.Keßler, exotische-welt.de). Die Kombination aus Spider mit Sable ist in der Regel nicht überlebensfähig und stirbt bereits vor dem Schlupf als Embryo ab. Die Superform von Champagne (Super Champagne) oder von Hidden Gene Woma (auch als „Pearl“ bezeichnet) ist ebenso nicht überlebensfähig.

Der Spider ist sicherlich der am meist in Kombination mit anderen Farbvarianten gezüchtete Wobbler, der seinen Gendefekt im Zusammenhang mit seiner Farbmutation an seine Nachkommen weitervererbt. Die Nachkommen, die das Spider-Gen nicht tragen, zeigen dementsprechend auch keine Symptomatik.

Champagne, Vertreter aus dem Komplex der Wobbler

Bei dem dominanten Desert Ball legen die
Weibchen in der Regel unbefruchtete Gelege.

Es gibt einige Tiere der Farbvariante Banana, bei welchen alle Nachkommen männlich sind. Sie werden im Fachjargon als „male maker“ bezeichnet. Wahrscheinlich liegt diese Farbmutation auf dem Y-Chromosom und wird somit an alle männlichen Tiere weitervererbt. Ausschließlich im Falle eines Crossing-overs können auch weibliche Tiere schlüpfen, die ihr X-Chromosom dann sowohl an männliche, als auch an weibliche Nachkommen weitervererben können.

Die Superform von Cinnamon Pastel (Super Cinnamon) und Black Pastel (Super Black Pastel) zeigen gehäuft Missbildungen des Schädels. Diese können unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Ein großer Anteil aller Farbmorphen zeigt keinerlei Beeinträchtigungen. Das äußerliche Erscheinungsbild scheint die Tiere keineswegs zu beeinträchtigen, geschweige denn ihnen in irgendeiner Weise Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Dementsprechend wäre es schlichtweg nicht sachgemäß jeden Königspythonmorph gleich mit dem Begriff „Qualzucht“ zu assoziieren.


Die Lebensqualität ist nur bei einzelnen Morphen eingeschränkt. Diese Farbvarianten werden von verantwortungsvollen Züchtern gezielt gemieden oder schlichtweg nicht verpaart. Natürlich gibt es hier, wie überall, auch weniger verantwortungsvolle „Vermehrer“ oder Unwissende, die sich dieser Problematik nicht bewusst sind. Als Tiermediziner ist es unsere Aufgabe diese Besitzer aufzuklären und fachlich zu beraten.



Es ist geradezu unmöglich und zugleich sinnbefreit alle Morphen zu zeigen, dennoch möchte ich nicht darauf verzichten, ein paar der gängigen Farbvarianten vorzustellen. Es ist von Vorteil einen groben Überblick zu haben und es vermittelt zweifellos eine gewisse Kompetenz, wenn man manche Farbvarianten erkennt. Dennoch wird von keinem Züchter oder Tierarzt verlangt, dass er alle Morphen kennt. Für die Therapie macht es selbstverständlich keinen Unterschied, ob das zu behandelnde Tier nun gelb ist, weiße Flecken hat oder eine besondere Musterung trägt.





Einige rezessiv vererbbare Morphen

Einige co-dominant vererbbare Morphen

Dominant vererbbare Morphen

Bei vielen Morphen liegt ein unglaubliches Potential in der Genetik, das sich allerdings erst bei der Kombination mit anderen Farbvarianten entfaltet. Alleine wirken diese Basic Morphen recht unscheinbar und sind nur sehr schwer von der Wildform oder untereinander zu unterscheiden. Oft ist es auch für den erfahrenen Züchter unmöglich diese Tiere ohne Herkunftsnachweis oder Kenntnis über die hervorgegangene Verpaarung der Elterntiere zu bestimmen.

Bei dieser komplexen Genetik und den statistischen Auswertungen kommt so manch ein Züchter ziemlich ins Schwitzen, schließlich bestehen unsere Nachkommen, anders als bei Mendel, nicht aus hunderten von Erbsen, sondern mitunter aus nur wenigen Eiern. Umso größer ist die Freude, wenn bei einem zweieiigen Gelege aus der Verpaarung zweier co-dominanten Farbvarianten dann doch eine gesunde Farbkombination oder eine Superform schlüpft!

links: Spider (Wobbler), mitte oben: Piebald, unten: Pastel, rechts: Pastave (Mojave Pastel)

Super Mojave, Erstzucht: Morph King                 

Pinstripe, Erstzucht: BHB Entreprises, 2001Reptiles, 2005

Banana Ball, Erstzucht unbekannt

               

Mojave, Erstzucht: Snake Keeper, 2000                            

Pastel, Erstzucht: NERD, 1997                

Lesser Platinum, Erstzucht: R. D. Reptiles, 2001

Cinnamon, Grazini Reptiles, 2002                                

Orange Ghost, Erstzucht: NERD, 1994            

Clown, Erstzucht: VPI, 1999                                                     

Albino, Erstzucht: Bob Clark, 1992                                           

Caramel Albino, Erstzucht: NERD, 1996                               

In Kombination mit anderen Farbmorphen sehr interessant, hier: Pastel Clown, Erstzucht: BHB, 2005

                                                        

Piebald, Erstzucht: Peter Kahl, 1997